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Juergen

Fortgeschrittener

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21

19.08.2005, 18:11

Der Nestle-Aland (Novum Testamentum Graece; 27. Aufl.) listet nicht weniger als
- 98 Papyri (P+Zahl) etwa bis ins 8. Jh.
- 301 Majuskeln (01, 02,...) etwa 4.-9. Jh.
- über 2800 Minuskeln (1,2,3...) etwa 9.-15 Jh
- sowie viele Lektionare
auf.

Und keine dieser Handschriften stimmt 100% mit einer anderen überein.
Eine dieser Handschriften ist der sog. Codex Siniaticus, abgekürzt mit Aleph.

Es lassen sich aber im wesentlichen 3 (oder 4) Traditionsstränge ausmachen:

1) der sog. alexandrinische Texttyp. Er wird im wesentlichen vertreten durch Papyri P66 und P75, sowie die Codices B, Aleph, A (Apg) und einige koptische Übersetzungen. Der Text ist meist kürzer als andere Texttypen.

2) der sog. westliche Texttyp. Er wird vertreten durch die Codices D, W (für Mk 1,1-5,30), die Papyri P38 und P48 und altlateinische Übersetzungen. Er ist auch bei einigen lat. Kirchenvätern/Kirchenschriftstellern belegt. Gerade Codex D ist nicht ganz unproblematisch. Er hat teils Paraphrasen, Umstellungen, Korrekturen.
Die Apostelgeschichte ist etwa insgesamt 10% länger als in anderen Handschriften.

3) der sog. byzantinische Texttyp. Der Texttyp wird oft einfach als Koine bezeichnet oder als Mehrheitstext. Er ist vielfach belegt etwa durch die Handschriften A (Evangelien), E, F, G, H, K, etc. etc.

4) Manche Forscher meinen es gäbe noch einen 4. Texttyp: Der sog. Texttyp von Caesarea wird vertreten durch Papyrus P45 und die Handschriften Theta und W (Mk 5,31-16,20)


Der byzantinische Texttyp - auch textus receptus genannt - ist jener Text, der in der gr. Kirche auch für die Liturgie verwandt wird (soweit ich weiß). Er ist gut belegt und wenn man aus dem Griechischen übersetzt, dann ist es oft ratsam auch mal einen Blick in den Text zu werfen.

So könnte man meinen: alles klar! Nehmen wir doch einfach den Text.
Das hat man auch getan. Bis ins 18. Jh. hinein. Es gab auch einige textkritische Ausgaben etwa won Bengel (1734) oder Wettstein (1751). Wettsteins Ausgabe wurde 1962 sogar nochmals gedruckt.

Aber dann hat uns die Textforschung ein Problem bereitet. Ein Problem, daß auf gewissen Entscheidungen beruht, die man im Nachhinein durchaus als zumindest zweifelhaft ansehen kann.

Ich will jetzt nicht auf die ganze Textgeschichte und die Anfänge der Textkritik etc. eingehen. Nur ganz kurz zu dem Thema.
Man könnte sich ja die Frage stellen, warum sucht man eigentlich nach dem "Urtext"?
Die Antwort ist m.E. eng mit der Reformation verbunden. Wenn man davon ausgeht, daß es ein "sola scriptura" Prinzip gibt, und man sogar von einer "wörtlichen Inspiration" ausgeht, dann MUSS man einfach versuchen, den Urtext zu finden, denn nur dieser ist dann ja "wörtlich inspiriert".
So machten sich also die Gelehrten auf die Suche nach alten und ältesten Texten, und sie wuden fündig.

Und so gab es im 19. Jh eine schwerwiegende Entscheidung: Tischendorf fand im Katharinenkloster am Sinai eine uralte Handschrift (den sog. Codex Siniaticus, abgekürzt mit Aleph). Der Text gehört zum alexandrinischen Texttyp. Er hielt die Handschrift, welche aus dem 4. Jh. stammt für so authentisch, daß er diesen Text als Grundlage nahm, seine textkritische NT-Ausgabe danach auszurichten. Er nahm insgesamt einige Tausend "Verbesserungen" am Textus receptus vor.

Diese Entscheidung war so weitreichent, daß auch heute noch vieles auf dem Codex Siniaticus beruht, selbst wenn man inzwischen weiß, daß es nicht an allen Punkten der beste Text ist.

In Zweifelsfällen beruft man sich gerne auf den alex. Texttyp. -- Ob's freilich gut ist, ist eine andere Frage.
stabilitas contra mundum

herzrosenduft

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22

17.05.2012, 21:52

Der Codex sinaiticus soll im Internet wieder zusammenhängend dargestellt und abgebildet werden.
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Der Papst betont die Wichtigkeit eines „christlichen Stils“ der Präsenz auch in der digitalen Welt:

„Dieser verwirklicht sich in einer Form
aufrichtiger und offener, verantwortungsvoller und dem anderen gegenüber
respektvoller Kommunikation“.

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